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Kinder in Schule in Beirut
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Eine Oase des Friedens
"Shaping Minds with Knowledge and Hearts with Love"

Auch das noch: Mathe-Unterricht! Ist das nicht das langweiligste Fach, das je erfunden wurde?

Oder vielleicht auch nicht? Am Dienstag wandert die vierte Klasse die Treppe hinauf, bewaffnet mit riesigen Linealen und Geodreiecken, um die Bücherei auszumessen. Am Donnerstag füllen sie selbstgebastelte Ein-Kubik-Zentimeter-große Schächtelchen mit Wasser, um herauszufinden, worum es beim Volumen geht. Und später genießt die fünfte Klasse beim Bruchrechnen Ein-Sechstel- und Zwölftel-große Stücke Wassermelone.

Aber englische Grammatik? Das ist doch wie Zähneziehen? Nicht hier. Wenn der Schulseelsorger als alter Mann verkleidet den Unterricht besucht und Geschichten erzählt von damals, "als er jung war", um die Vergangenheitsform einzuführen, dann ist Grammatik plötzlich Jedermanns Lieblingsfach.

Kreative Lehrmethoden wechseln sich ab mit Lehr-Ausflügen, sodass die Kinder nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernen. Zum Beispiel die Klasse 5, die ein Einkaufszentrum besucht, um sich über Preise zu informieren. Oder die neunte Klasse, die einem Heim für drogenabhängige Jugendliche Lebensmittel bringt, um zu lernen, welche Gefahren der Drogenmissbrauch mit sich bringt, aber auch, was es bedeutet, anderen zu helfen.

"Lernen" ist nicht nur eine Aktivität an dieser Schule, ein notwendiges Übel, um Examen zu bestehen. Lernen ist ein Lebensstil, ein Abenteuer, ein Privileg, das man genießen darf.

Aber was ist das für eine Schule? Eine Montessori-Schule für Mittelklasse-Kinder in einer reichen Vorstadt, mit gut ausgestatteten Klassenräumen, einem großen Schulhof mit tollen Spielplätzen und didaktischen Spielgeräten, die neueste Technik und Lehrer mit einer Promotion in innovativem Lernmanagement?

Ganz im Gegenteil. Es ist eine kleine Schule mit etwa 200 Schülern – Kindergarten, Grundschule und Mittelstufe – in einem lauten, überfüllten Stadtteil im Norden Beiruts, der Hauptstadt des Libanon. Die meisten Klassenräume sind eng, dunkel und im Sommer völlig überhitzt. Es gibt zwar etwas Technik, aber mehrere Räume nutzen noch Kreidetafeln. Computerlabor, Chemielabor und Bücherei sind kaum des Namens wert; es gibt weder Turnhalle noch Sportplatz, und zum Stundenende muss manuell geklingelt werden. Der Schulhof ist winzig und gibt den neun Klassen, die sich dort zur Pause aufhalten, kaum genug Raum zum Spielen.

Seit 51 Jahren hat die Schule unseres örtlichen Partners im Libanon ihrer Stadt gedient, und seit 51 Jahren haben die Lehrer und Angestellten der Schule sich nicht durch äußere Umstände davon abhalten lassen, den Schülern ihr Bestes zu geben und ihnen nicht nur eine Schule, sondern ein Zuhause zu bieten.

Dabei haben sie eine Oase des Friedens inmitten einer aufgewühlten Welt geschaffen. Durch 15 Jahre Bürgerkrieg hindurch blieb die Schule offen. Durch Jahrzehnte der religiösen Gewalt und des gegenseitigen Misstrauens hat die Schule eine Stätte aufgebaut, an dem Kinder aller Religionen und Konfessionen friedlich miteinander lernen können. Zu einer Zeit, in der der winzige Libanon aus den Nähten platzt und die Bürger des Landes ihre Stimme erheben gegen die, die noch vor Kurzem ihre Nation besetzt hatten und nun dort Zuflucht suchen, wo sie Unterdrücker waren, bietet die Schule einen Ort, an dem alle Kinder gleich und gleichgeliebt und wertgeschätzt sind.

Aus einem Dutzend verschiedener Nationen besuchen hier orthodoxe, katholische, evangelikale und maronitische Christen gemeinsam den Unterricht mit Schiiten, Sunniten und Drusen. Etwa ein Drittel der Kinder sind Flüchtlinge. Manche wurden in ihren Heimatländern verfolgt, mussten mit ansehen, wie Familienmitglieder umgebracht wurden. Andere kommen aus Familien, die ihre Heimat freiwillig verließen auf der Suche nach Arbeit und einem besseren Leben. Viele sind in Armut aufgewachsen. Andere waren reich und haben dann alles verloren. Wieder andere kommen aus libanesischen Mittelklassefamilien. Und manche wohnen in Waisenhäusern, weil ihre Angehörigen ihnen kein Zuhause geben können.

Aber wenn man in der Pause über den Schulhof blickt, sieht man keine Unterschiede. Alle sind in die Schulfamilie integriert, in ihre Klassenverbände eingebunden, haben Freunde gefunden, fühlen sich angenommen und respektiert – auch solche, die sonst nirgends akzeptiert wurden.

Und das ist es, was einem auffällt, wenn man die Schule besucht. Nicht die gedrängten Klassenzimmer oder der winzige Schulhof, nicht die fehlende Turnhalle oder die veralteten Labore. Es ist die liebevolle Atmosphäre und Wertschätzung, die Art und Weise, wie Lehrer und Kinder Gemeinschaft schaffen und sich gegenseitig akzeptieren und mit einer beispiellosen Selbstverständlichkeit füreinander sorgen. Im April 2017 hatte ich das Vorrecht, die Schule zu besuchen – und noch nie hat mich eine Schule so sehr beeindruckt.

Da ist auf der einen Seite die Art und Weise, wie die Lehrer mit den Schülern umgehen: Es wird deutlich, dass sie wirkliches Interesse an den Kindern haben und Zeit und Energie investieren, um ihren Unterricht so kreativ wie möglich zu gestalten und nicht nur Lehrer, sondern Freund zu sein. Das ist vielleicht noch nicht so einzigartig – ich kenne einige Lehrer, die ihren Job nicht als Beruf, sondern als Berufung verstehen. Aber irgendetwas ist hier anders, und ich beobachte es in der Art, wie die Kinder auf die Lehrer reagieren: mit Zuneigung, Freundschaft und Vertrauen.

In der Wassermelonen-Lektion in Klasse 5 will die Mathelehrerin ihren Tisch in die Mitte des Raumes ziehen, und sofort springen vier Jungs auf – 10-Jährige, die sich in ihrem Eifer übertreffen, ihrer Lehrerin zu helfen! Danach sind es zwei Mädchen, die den Tisch der Lehrerin mit Schutzfolie einwickeln, und als die Wassermelonenstücke ausgeteilt werden, kommen "endlich" die dran, die vorher noch nicht helfen konnten.

Aber was mich am meisten beeindruckt ist die Art und Weise, wie die Kinder miteinander umgehen. Jeden Tag kann ich sie zweimal während der Pause beobachten – und bei etwa 150 energiegeladenen Kindern (der Kindergarten hat auf dem Dach einen eigenen Spielplatz) auf einem winzigen Hof mit Betonboden könnte man davon ausgehen, dass es in jeder Pause zahllose Verletzte gibt. Aber das passiert kaum – weil die Kinder aufeinander achten.

Ich sehe eine Siebtklässlerin, die sich niederbeugt, um einem Erstklässler den Schuh zu binden. Zwei Mädchen aus unterschiedlichen Klassen, die Arm in Arm über den Schulhof schlendern und dabei darauf achten, niemand im Weg zu sein. Ein Fünftklässler ins Gespräch mit einer Lehrerin vertieft, und mehrere Sechstklässlerinnen, die sich mit Zweitklässlern unterhalten. Ich beobachte einen Jungen aus der achten Klasse, in ein spannendes Basketballspiel vertieft, der dennoch so geistesgegenwärtig ist, sich nach dem Ball zu werfen, damit dieser nicht ein paar Drittklässler trifft. Egal, wo ich hinschaue, sehe ich Bestätigung dafür, dass es sich hier nicht nur um eine Schule handelt, sondern um eine Familie, ein Zuhause.

"Den Geist mit Wissen und die Herzen mit Liebe formen" (Shaping minds with knowledge and hearts with love) ist das Motto dieser Schule. Und das sind nicht nur leere Worte – es ist eine Vision, die zur Wirklichkeit wird.

 

Wie diese Vision Wirklichkeit wird, davon können Sie sich selbst überzeugen: in unserer Bildergalerie "Schulalltag in Beirut"!

 

Helping Hands e.V. unterstützt die Schule unseres örtlichen Partners im Libanon schon seit vielen Jahren; unter anderem durch Patenschaften für einzelne Kinder sowie durch Sonderspenden für die Schule. Im Frühjahr konnten wir dank Spenden infolge unseres Weihnachtsbriefes 2016 etwas über 3000 Euro an die Schule weiterleiten. Diese Spenden fließen zum Teil in Bildungsaktivitäten für die ganze Schule; ein Teil der Gelder begleicht die Schulgebühren für Kinder, die nicht anderweitig Hilfe erfahren und deren Eltern sich die Gebühren nicht leisten können.

Mehrere dieser neun Familien wurden vor der Flucht in ihren Heimatländern verfolgt. Eine Familie gehört zu den letzten, die aus Aleppo flohen, und konnte absolut nichts mitnehmen. Die wirtschaftliche Lage der Familien ist oft "weniger als Null" – manche leben zum Beispiel mit vier Kindern in einem einzigen Raum. Einige Eltern leiden unter gesundheitlichen Problemen, sodass das Geldverdienen noch schwieriger wird. Selbst die, die eine Anstellung haben, verdienen als Ausländer deutlich weniger, als einem Einheimischen per Gesetz bezahlt werden müsste.

Viele der Kinder sind traumatisiert und konnten mehrere Jahre lang keine Schule besuchen; ein paar sind lernbehindert. Manche haben ein Elternteil verloren – in einer Familie, in der der Vater verstorben ist, versuchen nun die Verwandten, die einer anderen religiösen Gruppierung angehören, der Familie alles wegzunehmen und die Kinder in ein Waisenhaus zu stecken.

Fast jedes Kind in dieser Schule hat eine ähnliche "Geschichte". Herzlichen Dank, dass Sie dazu beitragen, diesen Kindern eine Chance zu geben und ihren "Geist mit Wissen" und ihre "Herzen mit Liebe" zu formen!

© 2017 Helping Hands e.V. Bitte diese Geschichte (auch nicht auszugsweise) nicht ohne schriftliche Genehmigung weiterverwenden.

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