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Alles andere als selbstverständlich
Ein Besuch im "paXan"-Kinderzentrum in Kombinat, Albanien

“Diese drei Geschwister, die hab ich gefunden, wie sie im Müll rumsuchten”, erzählt Gesti, während wir auf einer Nebenstraße in Kombinat, einem Stadtteil von Tirana, den Pfützen ausweichen. “'Was macht ihr denn da?', hab ich sie gefragt. – 'Wir suchen was zu essen!'” Gesti schüttelt den Kopf. “Sie haben keinen Vater, die Mutter ist Prostituierte, alle zusammen wohnen sie in einem einzigen Raum. Als wir einmal hingegangen sind, um ihnen Essen vorbeizubringen, liefen die Kinder draußen rum: Ihre Mutter hatte grade einen Kunden.” Er seufzt; sein Gesicht drückt deutlich seine Meinung dazu aus. “Das war vor einem Jahr und die Kinder waren noch nie in der Schule gewesen – die älteste ist 13 und konnte nicht mal lesen.”

Zwei Kinder beim Hausaufgaben machenWir erreichen das Kinderzentrum in Kombinat, das im Herbst 2014 als Folge des paXan-Einsatzes in einer Roma-Siedlung am Rande Tiranas, der Hauptstadt Albaniens, gegründet wurde. Natürlich sind auch die drei Geschwister dort. Seit das Kinderzentrum begonnen hat, gehen sie regelmäßig zur Schule. Die beiden jüngeren sind jetzt in der zweiten, die ältere in der dritten Klasse. In dem kleinen Raum, in dem das Kinderzentrum stattfindet, sitzen sie konzentriert über die Hausaufgaben gebeugt, machen fleißig mit, helfen sich gegenseitig und wirken eigentlich recht zufrieden. “Ich komme gern hierher, weil ich noch viel mehr lernen möchte!” hat kürzlich Sofia, das jüngere Mädchen, gesagt.

Als wir das Kinderzentrum betreten, fühlen wir uns sofort willkommen. Gleich mehrere Kinder kommen auf uns zugelaufen, drücken uns erst mal ganz fest – obwohl ich doch das erste Mal hier bin! Dann machen sie sich wieder an ihre Aufgaben, und wir schauen ein Weilchen zu: beeindruckt von der zufriedenen, herzlichen Atmosphäre im Raum, von der geduldigen, liebevollen Art, mit der die ehrenamtlichen Mitarbeiter sich um die Kinder kümmern, von diesen höflichen Kindern, die nicht nur liebebedürftig sind, sondern großzügig Liebe weiterverschenken.

Und das ist alles andere als selbstverständlich! Denn die 27 Kinder, die derzeit im Kinderzentrum registriert sind, kommen allesamt aus zerbrochenen Familien. Praktisch alle Eltern sind arbeitslos, viele alkohol- oder drogenabhängig; sie vernachlässigen oder missbrauchen ihre Kinder – oder scheren sich einfach gar nicht darum, was mit ihnen passiert. So wie bei einem Jungen, dessen Mutter verstorben ist und der mit dem Vater alleine in einem verlassenen Fabrikgebäude wohnt: Als Gesti den Vater besuchte um zu fragen, ob sein Sohn das Kinderzentrum besuchen dürfe, war die Antwort: “Das ist mir doch ganz egal, mit dem Jungen könnt ihr machen, was ihr wollt!”

zwei Jungs lachen gemeinsamMan könnte meinen, dass diese Kinder verhaltensgestört wären – aber stattdessen sind sie außerordentlich liebenswürdig. Im Kinderzentrum spüren sie, dass sie geliebt und angenommen werden. Und auch das ist nicht selbstverständlich. Einige der Kinder kommen aus Roma-Familien, alle aus Randgruppen der Gesellschaft, für die sonst niemand etwas übrig hat. Aber in diesem Kinderzentrum investieren acht einheimische Mitarbeiter viel Zeit und Energie in die Kinder; die meisten davon ehrenamtlich.

Und damit investieren sie in die Zukunft: denn ohne das Kinderzentrum würden viele der Kinder überhaupt nicht in die Schule gehen. Ohne Hilfe kommen sie nicht im Unterricht mit, auch fehlt den meisten das Geld für Schulbücher und Schulmaterial, also hören sie entmutigt wieder auf. Das Kinderzentrum sorgt dafür, dass die Kinder die nötigen Bücher und Schulmaterial erhalten, helfen bei den Hausaufgaben und erklären mit viel Geduld, was die Kinder in der Schule nicht erfassen konnten. Der Erfolg ist dabei schon nach einem Jahr sehr vielversprechend: Auch die drei Geschwister haben inzwischen Lesen und Schreiben gelernt.

Lehrerin hilft Kind beim SchreibenWährend Gesti, der Leiter des Kinderzentrums, sich um administrative Angelegenheiten kümmert, bleibe ich im Raum und genieße den Unterricht. Überall kann ich die Zeichen der Fürsorge beobachten: wie die Lehrerin die Hand eines lernbehinderten Jungen ergreift, um mit ihm die Schriftzeichen zu formen, wie eine andere Mitarbeiterin Bilder kommentiert und geduldig Matheaufgaben erklärt – nach einer Weile darf ich auch selbst als Mathelehrer einspringen, Handschrift und Gemälde bewundern und immer wieder eine Umarmung erhalten oder verteilen. Später spielen wir noch gemeinsam, und dann reihen sich alle an der Tür auf – erst zum Händewaschen, danach marschieren sie in Reih und Glied zum Gemeindehaus um die Ecke; für viele Kinder der Höhepunkt des Tages.

Denn sie sind nicht nur zum Lernen da. Mittags gibt es – nach einer biblischen Geschichte – eine nahrhafte Mahlzeit für alle Kinder. Die drei Geschwister löffeln immer gleich mehrere Schüsseln Suppe – sehr wahrscheinlich die einzige richtige Mahlzeit, die sie am Tag erhalten. Die Köchin füllt noch einen Schöpfer Eintopf in die Schüssel des Jungen, betrachtet ihn liebevoll, dreht sich dann zu mir um und erklärt mithilfe von Handzeichen: “Ist sehr hungrig, das arme Kind!”

Kind mit GeburtstagstorteNach dem Mittagessen wird noch Geburtstag gefeiert: Roberta ist am Wochenende neun Jahre alt geworden. Ob bei ihr zuhause jemand daran gedacht hat? Im Kinderzentrum empfängt sie mit strahlenden Augen die Geburtstagstorte, lauscht dem Geburtstagslied, bläst die Kerze aus. Nur eine kleine Geste, aber für die Kinder bedeutet es die Welt. “Ich will ins Kinderzentrum kommen, weil ich mich dort geliebt fühle!”, hat Paloma, die älteste der drei Geschwister, gesagt. Als die drei nach der Geburtstagsfeier nach Hause gehen, drücken die beiden Schwestern mich ganz fest, und ihr Bruder dreht sich noch lange um und winkt. Was sie zuhause erwartet, ist nicht etwas, das zu einer fröhlichen Kindheit passt. Aber dank des Kinderzentrums haben sie eines gelernt: dass sie sehr, sehr wertvoll sind.

© 2015 Helping Hands e.V. Bitte diese Geschichte (auch nicht auszugsweise) nicht ohne schriftliche Genehmigung weiterverwenden.

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