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Kinderzentrum in Manduwil
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Lektion Eins: Lachen lernen

Bild von AffeDer Schulhof in Manduwil ist gezeichnet von den Spuren eines grausamen Krieges. Die wenigen Palmen, von denen mehr als ein Stumpf übrig ist, sind von zahlreichen Löchern durchbohrt. In einer Ecke des Hofes kauern drei Ruinen – völlig zerschossene Gebäude, ohne Dächer und gefüllt mit den zerbrochenen Überbleibseln einer Schulkindergeneration, die keine mehr ist. In einem der verwüsteten Klassenräume erinnert ein Wandgemälde an eine Zeit des Friedens vor dem Krieg: eine fröhliche Dschungelszene mit Tieren und Palmen, längst verblichen und durch dutzende Schusslöcher entstellt. Einem Affen fehlt ein Auge; benommen blickt er hinunter auf die Trümmer, als könne er es nicht fassen, dass der Mensch zu so etwas fähig ist: zu solch blindem Hass, solch gnadenloser Gewalt.

“Als wir das erste Mal hierherkamen, hatten die Kinder Unterricht unter den Mangobäumen, weil alle Gebäude zerstört waren”, erklärt David, Leiter von NCM Lanka, Helping Hands' örtlichem Partner in Sri Lanka. Knapp dreißig Jahre dauerte der Bürgerkrieg; in der Region Mullaitivu tobten die letzten Kämpfe, bevor der Krieg im Mai 2009 ein Ende fand. “Die Menschen flüchteten in diese Schule, lebten hier eine Zeitlang, weil ihre Häuser zertrümmert waren. Aber als die Kämpfe hier den Höhepunkt erreichten, mussten die Menschen wieder fliehen.”

Nach Kriegsende war Manduwil eine Geisterstadt und Mullaitivu völlig entvölkert; die Überlebenden hausten bis Jahresende in einem Flüchtlingslager, weit von ihrer Heimat entfernt. Dann kamen sie langsam zurück – und fanden nichts. “Die Menschen, die jetzt hier leben, sind alles Rückkehrer; die meisten sind ursprünglich aus diesem Dorf, manche wurden auch hierher umgesiedelt.” Aber als sie zurückkamen, war alles zerstört, ihre Häuser, ihre Felder; auch ihre Ersparnisse waren weg, weil die Bank den Verlierern gehört hatte. “Gemüse wächst nicht über Nacht. Die ersten paar Wochen haben die Menschen sich nur von Früchten ernährt.”

Neues Gebäude neben RuineGlücklicherweise packten einige lokale und internationale Nichtregierungsorganisationen (NRO) beim Neuanfang mit an. In der Schule in Manduwil stehen inzwischen mehrere neue Gebäude; viele der Familien konnten mithilfe von verschiedenen NROs ein neues Zuhause errichten. Aber ein Krieg hinterlässt nicht nur Einschusslöcher in Wänden. Zerstörte Hoffnungen, eine durchlöcherte Zukunft, verwundete Leben und erloschenes Vertrauen sind Schäden, die sich nicht mit Zement und Ziegeln flicken lassen.

Seit Jahren reichen sich NCM Lanka und Helping Hands e.V. die Hände, um gemeinsam das zu bewältigen, das kein Bauprojekt schafft: neues Vertrauen aufzubauen, Hoffnung zu schenken und echte Zukunft zu ermöglichen, indem wirkungsvoll geholfen und nachhaltig verändert wird. Im Sommer 2012 begann NCM Lanka mit finanzieller Unterstützung von Helping Hands e.V. ein Kinderzentrum in Manduwil; derzeit wird es von 111 Kindern besucht. Bei einem Projektbesuch dürfen wir eine Zeitlang am Programm des Kinderzentrums teilnehmen.

Kinder sortieren das AlphabetDafür sind alle Grundschulkinder in einem Raum versammelt und machen "Gruppenarbeit". Zuerst wird das englische Alphabet in Groß- und Kleinbuchstaben ausgeteilt und die Kinder müssen es sortieren: Wer am schnellsten fertig ist, hat gewonnen. Das geht natürlich nur mit viel unterstützendem Lärmen und Lachen. Als dann eine Gruppe gewinnt, füllt lauter Jubel den Raum.

Wir stehen am Fenster und schauen zu, freuen uns über die lachenden Kinder, die sichtlich Spaß an dieser Form des Unterrichts haben. “Diese Kinder haben alle den Krieg oder die Flüchtlingslager durchlebt – aber schau, wie sie jetzt lachen und Spaß haben!”, erzählt David, während wir die leuchtenden Gesichter der Kinder betrachten. “Am Anfang war es enorm schwierig, das Vertrauen dieser Kinder zu gewinnen, denn sie waren alle traumatisiert. Deshalb haben wir im Kinderzentrum sehr viel Traumaberatung angeboten und unsere lokalen Mitarbeiter haben mehr als zwanzig Schulungen besucht, um zu lernen, wie man mit traumatisierten Kindern umgeht. Und natürlich ist es auch wichtig, dass wir die Kinder einfach lieb haben und mit ihnen Spaß haben.

Wir haben auch festgestellt, dass die Kinder im normalen Unterricht nicht so wirklich lernen können, obwohl Schulunterricht dringend benötigt wurde. Wir haben stattdessen 'Bildung durch Spiel' eingeführt, also verschiedene Aktivitäten, bei denen sie nicht nur lernen, sondern auch Spaß haben können. Das funktioniert viel besser.”

lachende JungsNach dem Alphabetspiel üben die Kinder beim Hin- und Herrennen eine Weile Einzahl und Mehrzahl. Dann ist eine Vokabelaufgabe dran: Die Lehrerin ruft ein Wort und die Kinder stellen es als Gruppe dar – ein Spiel, das noch mehr Heiterkeit hervorruft, auch wenn der geforderte "Ball" in den meisten Gruppen eher wie ein Spiegelei aussieht. Aber das ist ja egal, denn hier geht es um viel mehr als ums Vokabellernen: um Teamwork geht es, um Vertrauen, um Freude und darum, die Vergangenheit zu bewältigen und einfach wieder Kind zu sein.

Natürlich hat das Kinderzentrum noch viele andere Aspekte, an denen wir an diesem Tag nicht teilnehmen können – zum Beispiel wurden kürzlich von den Kindern auf dem Schulgelände verschiedene Bäume gepflanzt, und die Eltern werden seit letztem Herbst durch ein Hühnerzuchtprojekt darin unterstützt, ihr Einkommen etwas aufzubessern. Aber trotzdem haben wir bei unserem Projektbesuch das Zentralste gesehen: nicht eine Schule, die noch lange von den Narben des Krieges entstellt sein wird, sondern Kinder, die lachen und Spaß haben können, deren Zukunft nicht von Hass, sondern von Hoffnung und Zuversicht bestimmt ist.

© 2016 Helping Hands e.V. Bitte diese Geschichte (auch nicht auszugsweise) nicht ohne schriftliche Genehmigung weiterverwenden.

Fotos © 2015 Christian Bangert

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